Ziele, Parolen, Prozente: Rechtsnationale in Europa

mercredi 1 juin 2016

01. Juni 2016, 09:54 Uhr

Rechtsnationale in Europa

Sie hetzen gegen Ausländer, gegen den Euro, gegen angebliche Bevormundung aus Brüssel und gegen offene Grenzen. Können die rechtsnationalistischen Parteien das vereinte Europa sprengen?

Fast überall in Europa gewinnen rechtsnationalistische Parteien Wahlen. Und sie wollen überall das Gleiche: Ausländer raus, Grenzen dichtmachen, weg mit dem Euro, manchmal fordern sie auch das Ende der Europäischen Union. Die Globalisierung bleibt draußen - das ist ihr zentrales Versprechen. In der Flüchtlingskrise hat diese Bewegung Zulauf bekommen. Längst werden die Parteien nicht mehr nur am Rand der Gesellschaft gewählt, sondern haben sich bis in ihre Mitte gefressen.

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Frankreich

Der rechtsnationale Front National (FN) wurde 1972 von Jean-Marie Le Pen mitgegründet. 2011 übernahm Tochter Marine Le Pen den FN-Vorsitz und modernisierte die Parteirhetorik. Statt antisemitischer Parolen stehen jetzt Terror, Überfremdung, Islamismus im Zentrum, verbunden mit einer "Rückeroberung der Souveränität" im Wirtschaftsbereich: Schutzzölle für die Landwirtschaft, finanzielle Unterstützung für den Mittelstand, die Rückkehr zur eigenen Währung, das Ende der von Deutschland erzwungenen Sparpolitik. Die Mindestlöhne sollen erhöht, das Renteneintrittsalter wieder auf 60 gesenkt werden.

Bei der Europawahl 2014 bekam der FN erstmals (mit knapp 25 Prozent) die meisten Stimmen. Bei den Regionalwahlen im Dezember 2015 brachten es die Rechtsnationalisten im ersten Wahlgang auf 27,7 Prozent und wurden in sechs Regionen stärkste Kraft, verloren allerdings bei den Stichwahlen gegen den Schulterschluss der etablierten Parteien. Gleichwohl könnte Le Pen bei der Präsidentschaftswahl 2017 eine ernst zu nehmende Herausforderin werden.

Hans-Jürgen Schlamp

Italien

Neben der rechtsnationalen bis rechtsextremen Lega Nord geht in Italien die Bürgerbewegung MoVimento 5 Stelle (dt.: Fünf-Sterne-Bewegung) mit zum Teil ähnlichen Parolen auf Stimmenfang. Die Lega wurde 1989 als sezessionistische Nordpartei unter anderem von Umberto Bossi gegründet und von diesem dominiert, bis er nach einem Korruptionsskandal 2012 abtreten musste. Nachfolger Matteo Salvini räumte die alte "Freiheit für den Norden"-Lyrik beiseite, konzentriert seine Parolen gegen Moscheen, Roma-Siedlungen, das EU-"Ungeheuer" in Brüssel, ergänzt um Versprechen wie weniger Steuern, mehr Sicherheit, chemische Kastration für Kinderschänder und Vergewaltiger. Bei Umfragen votieren bis zu 15 Prozent der Italiener für die Lega. Damit ist sie, vor Berlusconis Forza Italia, die größte Partei im rechten Lager.

Nicht eindeutig rechts, eher politisch irrlichternd, ist die Protestbewegung des einstigen Komikers Beppe Grillo. Auch die macht Stimmung mit der Angst vor einer "biblischen", Krankheiten und Kriminalität einschleppenden Einwanderung nach Italien. Bis zu 28 Prozent würden laut Umfragen seine "Fünf Sterne" wählen. Damit läge er nur knapp hinter der Regierungspartei PD.

Hans-Jürgen Schlamp

Großbritannien

Die rechtspopulistische Partei Ukip wurde in den Neunzigerjahren gegründet - mit dem erklärten Ziel, Großbritannien aus der EU herauszuführen. Eine Idee, die derzeit die politische Debatte im Vereinigten Königreich dominiert. Am 23. Juni werden die Briten in einem Referendum über den Verbleib in der EU abstimmen. Lagen die EU-Befürworter zum Jahreswechsel in Umfragen noch vorn, deutet sich nun ein Kopf-an-Kopf-Rennen an.

Entsprechend kann Parteichef Nigel Farage derzeit auftrumpfen: Er schürte beständig die Angst vor EU-Einwanderern. In der EU zu bleiben bedeute Masseneinwanderung, kritisierte Farage zuletzt. Der freie Visa-Zugang für Türken, der durch den EU-Deal mit Ankara zugesagt wird, sei "totaler Wahnsinn". Ohne diesen Druck von rechts hätte Premierminister David Cameron das Referendum kaum versprochen.

Abgesehen von diesem einen Thema baute Farage die Ukip zu einer breit aufgestellten Bewegung um, die ein Wirtschaftsprogramm aufweist und ihr Wahlmanifest von unabhängigen Experten prüfen lässt. Inzwischen ist sie eine Sammelpartei sowohl für enttäuschte Konservative als auch für Arbeiter und Angestellte, die früher Labour wählten und sich vor Billiglöhnern aus dem Rest Europas fürchten.

Ihre größten Erfolge feierte die Ukip bei Europawahlen, Farage ist seit 1999 Europaabgeordneter. Auch bei den Unterhauswahlen im vergangenen Jahr kamen die Rechtspopulisten auf knapp 13 Prozent.

Vera Kämper und Christoph Scheuermann

Polen

In Polen regiert die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) seit dem letzten Herbst allein und unangefochten. Sie hatte sowohl die Präsidentschaft- als auch die Parlamentswahl gewonnen. Obwohl er offiziell keine Staatsamt inne hat, steuert Parteigründer Jaroslaw Kaczynski die Politik der Regierung aus dem Hintergrund. Er ließ die wichtigsten Positionen bei den Geheimdiensten, in staatlichen Unternehmen und den staatlichen Medien mit PiS-Leuten besetzen. Das Verfassungsgericht hat er faktisch entmachtet. Sogar PiS-Befürworter sehen diese Schritte kritisch. Die Partei war vor allem wegen ihrer sozialen Versprechungen gewählt worden - und weil sich die Partei als Reformalternative zur arrogant und verbraucht wirkenden liberalen Bürgerplattform präsentierte.

Der Nationalismus hatte ein geringere Rolle für die Wähler gespielt - aber er ist nicht verschwunden: "Wir betrachten unsere Mitgliedschaft in der EU als dauerhaft, aber wir stimmen nicht in jeder Hinsicht mit der EU überein", sagte Jaroslaw Kaczynski erst kürzlich. Welchen außenpolitischen Kurs er konkret im Auge hat, ist unklar, das Verhältnis zu den Deutschen ist bisher noch nicht beschädigt. Sicher ist: PiS braucht die Milliarden aus Brüssel, um den strukturschwachen Osten des Landes konkurrenzfähig zu machen. Und: PiS will sich der Aufnahme von Flüchtlingen verweigern. Sie bringen - so glaubt Kaczynski - Krankheiten, Kriminalität und die Scharia nach Polen.

Jan Puhl

Tschechien

Im Prager Parlament sitzt keine rechtsnationalistische Partei - dafür aber Milos Zeman auf dem Hradschin. Der Präsident, einst ein Sozialdemokrat, hat sich in letzter Zeit mit fremdenfeindlichen Sprüchen profiliert: Hinter der hohen Zahl von Flüchtlingen vermutet er eine "organisierte Invasion", die Integration von Muslimen in die tschechische Gesellschaft sei nicht möglich, denn sie würden "Dieben die Hände abhacken" und "untreue Ehefrauen steinigen".

Zeman bedient mit diesen Sprüchen die Nachfrage nach einfachen, nationalistischen Parolen. Die Rechtsparteien "Morgenröte der direkten Demokratie" und "Block gegen den Islam" scheiterten an der Fünf-Prozenthürde. Denn unzufriedene Tschechen wählen mehrheitlich die seit 1989 kaum gewendeten Kommunisten. Die KP Böhmens und Mährens will aus der Nato und der EU austreten, wirbt für ein enges Verhältnis zu Putins Russland. Sie wurde bei den letzten Wahlen mit 15 Prozent drittstärkste Partei.

Jan Puhl

Slowakei

Die Mitte schmilzt ab. Wie auch in anderen europäischen Staaten wählen immer weniger Slowaken das Establishment. Bei der Wahl am 5. März schnitt die regierende sozialdemokratische Partei Smer-SD so schlecht ab, dass Regierungschef Robert Fico sich Koalitionspartner suchen musste. Er fand sie in der ungarischen Minderheitspartei - und in der rechtskonservativen Nationalpartei. Die hatte ebenso wie die radikal-nationalistische Partei Unsere Slowakei von dem Wahltrend profitieren können und acht Prozent der Stimmen ergattert.

In welche Richtung Ficos rechter Partner die Regierung drängt, ist noch nicht klar. Wie alle osteuropäischen Länder braucht auch die Slowakei die Zuschüsse der EU, um eine moderne Infrastruktur in ländlichen Regionen aufzubauen. Deshalb ist Fico daran interessiert, sein Land nicht zum Paria in der EU zu machen. Fundamentalopposition ist aber in der Flüchtlingsfrage zu erwarten. Schon im Wahlkampf hatte Fico geredet wie ein Rechtsnationalist, ein Beispiel: "Es besteht ein Zusammenhang zwischen Terror, sexuellen Übergriffen und der Zahl der Flüchtlinge in einem Land."

Jan Puhl

Norwegen

Die rechtspopulistische norwegische Fortschrittspartei (FrP) ist seit Langem ein Machtfaktor in dem reichen Fünf-Millionen-Einwohner-Land. Von 2005 an war die FrP acht Jahre lang zweitstärkste Kraft im Parlament. Seit 2013 sitzt die Partei zum ersten Mal in ihrer Geschichte mit in der Regierung - und führt das Land zusammen mit den Konservativen von Ministerpräsidentin Erna Solberg. Dabei hatten die Rechtspopulisten im Vergleich zur vorherigen Wahl deutlich an Stimmen verloren. Zuletzt hat die Partei wieder an Zustimmung gewonnen. Unter der Führung der FrP-Politikerin Sylvi Listhaug, die seit Dezember 2015 den neu geschaffenen Posten der Einwanderungsministerin innehat und auf allen Kanälen ist, will die Regierung umfangreiche Asylrechtsverschärfungen durchsetzen.

Mit Agitation gegen Zuwanderer und Muslime macht die Partei seit den Achtzigerjahren zunehmend Politik - ihre Wurzeln hat die FrP in einer liberalistischen Strömung. In der Sozialpolitik kämpfen die norwegischen Rechtspopulisten für eine bessere Altersversorgung und dafür, dass die Milliarden aus den norwegischen Ölfonds schon der jetzigen Generation zugutekommen. Ein Großteil ihrer Wähler rekrutiert die Partei aus niedrigen Einkommensschichten, um die sie besonders mit den Sozialdemokraten konkurriert.

Anna Reimann

Dänemark

In Dänemark wurde die rechtspopulistische Dänische Volkspartei DF bei den Parlamentswahlen im Sommer 2015 überraschend stärkste bürgerliche Kraft im Parlament - und fuhr mit mehr als 21 Prozent das beste Ergebnis in ihrer Geschichte ein. In die Regierung wollte sie aber nicht und stützt nun stattdessen im Parlament die Minderheitsregierung des rechtsliberalen Premiers Lars Løkke Rasmussen. Seit Jahren hat die Volkspartei die anderen Parteien zu mehr Härte in der Asylpolitik getrieben - in der Flüchtlingskrise hat der DF-Vorsitzende Kristian Thulesen Dahl zuletzt für flächendeckende Kontrollen an der Grenze zu Deutschland plädiert - alle Flüchtlinge, die von dort weitereisen wollten, müssten aufgehalten werden. Thulesen Dahl, der 2012 der langjährigen DF-Chefin Pia Kjærsgaard nachfolgte, gilt als besonnener und legt ein größeres Gewicht auf Sozialpolitik. In diesem Politikbereich liegt die DF nach Einschätzung von Parteienforschern sogar links der Sozialdemokraten.

Der EU gegenüber ist die DF skeptisch und fordert weitreichende Reformen - im Fall eines Brexit müsse auch die dänische EU-Mitgliedschaft überdacht werden, verlautet es aus der Partei. In neuen Umfragen sehen die Dänen die DF deutlich in die politische Mitte gerückt. Mittlerweile sind kleine Parteien rechts der Volkspartei im Aufwind - in Meinungsumfragen hält sich die DF aber derzeit auf dem Niveau ihres Wahlsiegs vom letzten Sommer.

Anna Reimann

Schweden

In Schweden regieren - anders als in Norwegen und Dänemark - die Sozialdemokraten, und die rechtspopulistischen Schwedendemokraten, deren Parteigründer aus der Neonaziszene stammen, sind in der Opposition. Bei den Parlamentswahlen im Jahr 2014 konnten die Rechtspopulisten ihre Stimmen auf knapp 13 Prozent mehr als verdoppeln und wurden damit drittstärkste Kraft. Gesellschaftspolitisch vertreten die Schwedendemokraten eine konservative Politik und sind für härtere Strafen bei Verbrechen. Die Partei fährt einen scharfen Kurs gegen Flüchtlinge. Aufsehen erregte im Herbst 2015 eine Aktion von Parteimitgliedern, die auf griechischen Inseln Flugzettel an Flüchtlinge verteilten und davor warnten, nach Schweden zu kommen.

Im Dezember 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, hat die Partei in Umfragen einen Rekordwert von 20 Prozent erreicht, seitdem sinken die Werte wieder. Beobachter erklärten sich das auch damit, dass die sozialdemokratische Regierung ihre Asylpolitik deutlich verschärft hat und zum Beispiel Grenzkontrollen eingeführt hat. Schweden hat 2015 in Bezug auf die Bevölkerungszahl unter den EU-Ländern am meisten Asylsuchende aufgenommen. Bei den anderen Parteien herrscht in Bezug auf kommende Wahlen weiter Scheu sich auf eine formelle Zusammenarbeit mit den Schwedendemokraten einzulassen.

Anna Reimann

Finnland

Die Rechtspopulisten, früher die Wahren Finnen, heute nur noch Die Finnen holten bei der Parlamentswahl im vergangenen Jahr knapp 18 Prozent der Stimmen und wurden zur zweitstärksten Partei im Parlament. Sie regieren in einer Koalition mit der liberalen Zentrumspartei und der konservativen Nationalen Sammlungspartei. Zentrale Positionen der "Finnen" sind zum Beispiel: Sozialleistungen soll es nur für finnische Bürger geben, Flüchtlinge sollten in Lagern nahe ihrer Heimat untergebracht werden, Zuwanderung soll nur gestattet werden, wenn sie Finnland einen ökonomischen Vorteil bringt.

Anders als etwa in Norwegen haben die Rechtspopulisten als Regierungspartei an Beliebtheit verloren, zweitweise lagen sie in Umfragen bei unter neun Prozent. Ihnen fehlen in der Flüchtlingskrise entscheidende Ministerposten. Für Vertrauensverlust bei den Anhängern sorgte auch, dass die "Finnen" den Sparplänen der Koalitionspartner zustimmten - obwohl sie im Wahlkampf ein linksgerichtetes Finanzprogramm mit Vermögensteuer und Sozialhilfe versprochen hatten.

Anna Reimann

Ungarn

In Ungarn hat mit Jobbik (Die Besseren und Rechteren) eine der erfolgreichsten rechtsextremen Parteien Europas. Sie erhielt bei den Parlamentswahlen im April 2014 21 Prozent der Stimmen und liegt in Umfragen derzeit bei 25 bis 28 Prozent. Obwohl ihr Vorsitzender Gábor Vona bereits 2013 den Wandel von Jobbik zur nationalkonservativen Volkspartei ausrief, ist das Parteiprofil klar rechtsextrem.

Zu den Forderungen von Jobbik zählen ein Austritt Ungarns aus der EU, eine vollständige Abschottung des Landes vor Flüchtlingen, die Wiedereinführung der Todesstrafe, der "Kampf gegen Zigeunerkriminalität", die Zwangsinternierung von Roma-Kindern mit "Integrationsproblemen" und die militante Disziplinierung von Sozialhilfeempfängern. Die nationalkonservative Partei Fidesz des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán hat einen großen Teil dieser Jobbik-Forderungen in abgemilderter Form umgesetzt.

Keno Verseck

Rumänien

Rumänien ist derzeit das einzige osteuropäische EU-Land ohne eine rechtspopulistische oder rechtsextreme Partei im Parlament. Jedoch vertreten die beiden großen Parteien, die wendekommunistischen Sozialdemokraten (PSD) und die National-Liberale Partei (PNL), in Wahlkampagnen oder zu punktuellen Anlässen und Themen (Flüchtlinge, Roma, ungarische Minderheit Rumäniens) nationalistische, rassistische oder chauvinistische Positionen.

Um den Einzug ins Parlament bei den Wahlen Ende des Jahres kämpft derzeit der ehemalige Staatspräsident Traian Basescu mit seiner neuen Partei Volksbewegung (PMP); Basescu vertritt xenophobe und europaskeptische Positionen. Außerdem wollen sich im politischen Spektrum zwei neue rechtsextreme Parteien etablieren: die Partei Vereintes Rumänien (PRU) und die Partei Nationale Kraft (FN); letztere wird von Marine Le Pens Front National unterstützt.

Keno Verseck

Bulgarien

In Bulgarien sind derzeit ein ultranationalistisches Bündnis und eine rechtsextreme Partei im Parlament vertreten: die Patriotische Front (PF) aus den Parteien Nationale Front zur Rettung Bulgariens (NFSB) und Bulgarische Nationale Bewegung (VMRO-BND), die bei den Wahlen im Oktober 2014 auf 7,3 Prozent kam. Sowie die Partei Ataka, die 4,5 Prozent erreichte.

Die Patriotische Front unterstützt die konservative Minderheitenregierung und vertritt vor allem Positionen, die sich gegen die türkische Minderheit Bulgariens und deren politische Parteien richten. Außerdem will sie die "Alltagskriminalität der Roma" bekämpfen und fordert eine Abschottung Bulgariens gegen Flüchtlinge.

Ataka vertritt diese Positionen noch weitaus militanter. Außerdem pflegt Ataka enge Beziehung zur russischen Politik - sie gilt als von Moskau gesteuert und finanziert.

Keno Verseck

Baltikum

Europafeindliche Parteien haben in den baltischen Staaten kaum Chancen, die Mehrheit der Litauer, Letten und Esten steht hinter der EU - wenn sich auch die Regierungen in Vilnius, Riga und Tallinn in der Flüchtlingsfrage ähnlich ablehnend geäußert haben wie die anderen Osteuropäer. Der baltische Nationalismus ist vor allem antirussisch geprägt, alle drei Länder waren einst Sowjetrepubliken.

Die Angst vor Russlands neuem-altem Imperialismus hat nach der Annexion der Krim und mit dem Krieg in der Ukraine noch zugenommen. Profitieren konnte davon vor allem die Nationale Vereinigung - Alles für Lettland. Sie wurde bei der Parlamentswahl 2014 vierstärkste Kraft. Diese Truppe heroisiert die Lettische Legion der Waffen SS. Sie will vor allem die Rechte der russischen Minderheit beschneiden. Gut ein Viertel der Letten haben als Muttersprache Russisch.

Jan Puhl

Griechenland

In ihrer Flagge tragen sie ein angedeutetes Hakenkreuz, sie wenden sich gegen Ausländer ebenso wie gegen die in ihren Augen korrupte herrschende Schicht: Die Goldene Morgenröte macht aus ihren radikalen Ansichten keinen Hehl. Bei der letzten Parlamentswahl brachte ihr das fast sieben Prozent der Wählerstimmen ein. Vor allem bei den jungen, oft arbeitslosen Griechen kommen die Hassparolen und Aufmärsche der Rechten gut an. Im Parlament steht die Partei jedoch vollkommen isoliert. Setzt ein Redner der Goldenen Morgenröte an, verlassen viele Abgeordnete demonstrativ den Saal. In der Flüchtlingskrise hetzt die Partei offen gegen die Neuankömmlinge. Den befürchteten Popularitätsschub hat ihr das jedoch bisher nicht verschafft, die Umfragewerte bleiben konstant.

Gerade mal 3,69 Prozent der Stimmen holte die Partei Unabhängige Griechen (Anel) bei der letzten Wahl. Trotzdem sind die Rechtspopulisten Juniorpartner in der Regierungskoalition von Premier Alexis Tsipras. Parteigründer Panos Kammenos führt das Verteidigungsministerium - und betont seine patriotische Gesinnung regelmäßig mit entsprechenden Ansprachen und beeindruckenden Militärmanövern. Immer wieder geht es um die nationale Unabhängigkeit Griechenlands: Sei es in der Eurozone oder in der Abgrenzung gegen die Nachbarn Türkei und Mazedonien.

Giorgos Christides

Belgien

In Belgien vermischen sich Rechtspopulismus, Nationalismus und der in dem Land ohnehin virulente Separatismus. Das Resultat sind die Nieuw-Vlaamse Alliantie (Neu-Flämische Allianz, N-VA) und Vlaams Belang (Flämisches Interesse, VB). Die separatistische und als rechtsextrem eingestufte VB warnt vor einer Islamisierung Flanderns und macht immer wieder mit ausländerfeindlichen Parolen von sich reden. Zu ihren besten Zeiten erreichte VB bei Wahlen in Belgien 12 Prozent, in Flandern sogar 24 Prozent. Doch 2014 kam die Partei nur noch auf 3,7 bzw. 5,9 Prozent.

Als Hauptgrund gilt der Aufstieg der N-VA, die bei der belgischen Parlamentswahl 2014 mit 20,3 Prozent stärkste Kraft wurde. Auch sie ist für die Unabhängigkeit Flanderns, und auch sie vertritt nationalistische Positionen - wenn auch weit weniger radikale als VB. Offene Islam- oder Ausländerfeindlichkeit ist bei der N-VA kein Thema. Über Belgien hinaus bekannt ist vor allem Innenminister Jan Jambon, der nach den Terroranschlägen von Paris und Brüssel wiederholt in das internationale Interesse rückte.

Markus Becker

Niederlande

Die Niederlande waren schon 2002 dort, wo Deutschland demnächst sein könnte: Die Liste Pim Fortuyn kam bei der Parlamentswahl auf 17 Prozent - was auch daran lag, dass Fortuyn kurz vor dem Urnengang erschossen und von seinen Anhängern als Märtyrer verklärt wurde. 2006 flog die LPF wieder aus dem Parlament, doch ihr Wählerpotenzial - das sich vor allem aus Furcht vor muslimischer Einwanderung speist - existiert weiter.

Fortuyns Erbe hat Geert Wilders angetreten: Partij voor de Vrijheid (Seine Partei für die Freiheit, PVV) kam bei der Wahl 2012 auf zehn Prozent und ist damit drittstärkste Kraft, nachdem sie 2010 schon mehr als 15 Prozent bekommen hatte. Die Partei gilt als rechtspopulistisch bis rechtsextrem. Sie fordert unter anderem einen mehrjährigen Einwanderungsstopp für Muslime, die Schließung von Koranschulen und will den Bau neuer Moscheen verhindern. Auch der EU steht die PVV ablehnend gegenüber: Sie fordert die Abschaffung des Europaparlaments, eine Einschränkung der Tätigkeiten der EU-Kommission und den Austritt der Niederlande aus dem Schengener Abkommen, das Reisefreiheit innerhalb der EU ermöglicht.

Markus Becker

Deutschland

Als im Frühjahr 2013 die Alternative für Deutschland (AfD) in Berlin gegründet wurde, stand vor allem ein Thema im Mittelpunkt: die Eurokrise. Zur neuen Partei gehörten frühere CDU-Politiker, ehemalige FDP-Anhänger, vor allem aber prägten ihr Gesicht Wirtschaftsprofessoren wie Mitgründer Bernd Lucke und Jochen Starbatty.

Mitgründer Lucke, der einst selbst mit dem Thema Flüchtlingspolitik Stimmen zu fangen versucht hatte, geriet unter Druck. Es waren nicht nur ideologische Differenzen, die zu einer zunehmenden Entfremdung Luckes in der Führung führten - vorgehalten wurden ihm auch Alleingänge. Im Sommer 2015 unterlag er auf einem Mitgliederparteitag in Essen schließlich seiner Co-Vorstandssprecherin Frauke Petry. Seitdem wird die AfD von Petry und dem Volkswirtschaftsprofessor Jörg Meuthen geführt.

In den ersten Wochen nach Essen rutschte die AfD in eine Krise - in Umfragen kam sie nur noch auf zwei Prozent. Ab Spätsommer 2015 änderte sich die Lage: Die Führung stellte mit dem Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland auf einen klaren Kurs gegen die Große Koalition ab (Motto: "Merkel muss weg"). Der Flüchtlingszustrom sei ein "Glücksfall" für seine Partei gewesen, bekannte später freimütig AfD-Vize Alexander Gauland. In den Umfragen kletterte die AfD rasant nach oben und erreichte zuletzt bei Landtagswahlen im Frühjahr 2016 sowohl im Westen und Osten Rekordergebnisse - in Sachsen-Anhalt gar knapp über 24 Prozent.

Der Schwenk nach rechts wurde auf dem Programm-Parteitag im Mai 2016 in Stuttgart auch formal vollzogen - mit einem schroffen Kurs gegen den Islam ("Der Islam gehört nicht zu Deutschland"). Was die etablierten Parteien sorgen muss: Mit ihrer Positionierung konnte die AfD nicht nur in bedeutendem Maße bei jüngeren Nichtwählern punkten, sondern auch bei früheren Anhängern von CDU, SPD, Linke und sogar Grünen.

Angesichts von stabilen Umfragewerten über zehn Prozent könnte die AfD derzeit mit dem Einzug in den Bundestag rechnen. Bereits 2013 war sie beim nationalen Urnengang knapp an der Fünfprozenthürde gescheitert - damals allerdings mit der Konzentration auf ihr Ursprungsthema, dem eurokritischen Kurs.

Severin Weiland

Schweiz

Ausländer und Asyl - das sind die Kernthemen der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Der Tenor der Rechtspopulisten: Werde die Zuwanderung nicht gesteuert, lebten in der Schweiz künftig mehr Ausländer als Schweizer. Das Land versinke zudem im "Asylchaos". Die Partei ist mit ihren Kampagnen oft sehr erfolgreich. So stimmten die Bürger etwa 2014 für eine SVP-Initiative "gegen Masseneinwanderung".

Bei der Parlamentswahl im vergangenen Herbst wurde die SVP erneut stärkste Partei. In der siebenköpfigen Regierung stellt sie seitdem wieder zwei Bundesräte. Das Land wird seit Jahrzehnten von einer Koalition aller großen Parteien geführt. Eine empfindliche Niederlage musste die SVP im Februar hinnehmen: Die Rechtpopulisten wollten mit ihrer sogenannten Durchsetzungsinitiative erreichen, dass Ausländer schon bei vergleichsweise geringfügigen Strafdelikten abgeschoben werden - automatisch, ohne richterliche Einzelfallprüfung. Die Bürger lehnten dies mit großer Mehrheit ab.

Björn Hengst

Österreich

Es war eine unglaublich enge Entscheidung bei der Stichwahl zum Bundespräsidentenwahl am 22. Mai. Mit 49,65 Prozent der Stimmen unterlag Norbert Hofer nur um Haaresbreite gegen Alexander Van der Bellen. Fast hätten die Österreicher einen Vertreter der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) an die Spitze ihres Landes gewählt - das Signal wäre verheerend gewesen. Doch auch so fragen sich viele Beobachter: Wohin steuert das Land, ist es wirklich so gespalten? Neben Hofer verfolgt auch Parteichef Heinz-Christian Strache große politische Ziele, er träumt vom Kanzleramt. Das sind die Ambitionen zweier Spitzenpolitiker der FPÖ, die derzeit so stark ist, dass es dem politischen Establishment des Landes angst und bange wird.

Es war die Flüchtlingskrise, die der FPÖ in die Hände spielte - denn gegen Ausländer machen die Freiheitlichen seit jeher Stimmung. "Keine Unterbringung von Asylwerbern gegen den Willen der Bürger", fordert die Partei. An anderer Stelle behauptet sie, Sozialdemokraten und Konservative hätten beim "Kampf gegen die Fremdenkriminalität" wertvolle Zeit verstreichen lassen.

Die FPÖ profitiert zudem von der Schwäche von SPÖ und ÖVP. Die Große Koalition der beiden Volksparteien ist bei den Bürgern unbeliebt - der Rücktritt von Werner Faymann als Bundeskanzler zeigte zuletzt, wie angeschlagen und ausgezehrt das Regierungsbündnis ist.

Björn Hengst

Kroatien

In Kroatien deckt die regierende national-konservative Sammelpartei "Kroatische Demokratische Gemeinschaft" (HDZ) den größten Teil des politischen Spektrums von der rechten Mitte bis nach Rechtsaußen ab. Gegründet 1989 als nationalistische Sammelbewegung, hatte sie nach der Jahrtausendwende eine Phase der gemäßigt konservativen, christdemokratischen Orientierung, bis der heutige HDZ-Parteichef Tomislav Karamarko wegen Stimmverlusten an kleine rechte Parteien 2011 eine scharfe Rechtswende vollzog.

Die HDZ ist heute nationalistisch, stark rechtskonservativ und klerikal, aber nicht explizit europaskeptisch ausgerichtet. Eine wichtige ideologische Rolle spielt die Verklärung der faschistischen Ustascha-Vergangenheit.

Explizit rechtsextreme Parteien haben in Kroatien kaum politischen Einfluss. Allerdings machen rechtsextreme Fußball-Hooligans häufig Schlagzeilen; zu nationalistischen Musik-Events wie denen des Rocksängers Marko Perkovic Thompson kommen regelmäßig Zehntausende.

Keno Verseck

Serbien

Serbiens politische Landschaft wird traditionell von nationalistischen Parteien dominiert. Das ist derzeit zum einen die Serbische Radikale Partei (SRS) des kürzlich vom Haager Kriegsverbrechertribunal freigesprochenen Politikers Vojislav Seselj. Sie ist eine extrem nationalistische und antieuropäische Partei, die ein großserbisches Imperium anstrebt.

Zum anderen gibt es die regierende Serbische Fortschrittspartei (SNS) von Premierminister Aleksandar Vucic. Seine SNS spaltete sich 2008 von der SRS ab. Vucic, einst Kriegshetzer und Informationsminister unter dem Diktator Slobodan Milosevic, vertritt heute aus machttaktischen Gründen einen gemäßigten Nationalismus und eine nominell proeuropäische Orientierung, regiert aber autoritär.

Darüber hinaus gibt es in Serbien die Koalition Dveri-DSS aus der christlich-orthodox-nationalistischen Partei Dveri und der euroskeptischen Demokratischen Partei Serbiens. Diese Koalition macht unter anderem mit homophoben Aktionen Schlagzeilen.

Keno Verseck


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Ziele, Parolen, Prozente: Rechtsnationale in Europa

Hasskommentare im Netz: Berlin hadert mit Brüssels Facebook-Kodex

Die EU-Kommission bejubelt neue Regeln für das Löschen von Hasskommentaren, etwa für Facebook und Twitter. Doch von vielen Seiten kommt Kritik. Selbst dem Justizministerium geht der Kodex nicht weit genug.

Fünf Frauen gegen Hatespeech: EU-Kommisarin Vera Jourova (Mitte) mit Vertreterinnen von Twitter, Facebook, Microsoft und Google (von links)
European Union

Fünf Frauen gegen Hatespeech: EU-Kommisarin Vera Jourova (Mitte) mit Vertreterinnen von Twitter, Facebook, Microsoft und Google (von links)

Wie lassen sich Hasskommentare und Gewaltandrohungen in sozialen Netzwerken eindämmen? Die EU-Kommission versucht es nun mit einem Verhaltenskodex, auf den sie die großen Tech-Konzerne verpflichtet hat. Facebook, Twitter, Microsoft und Google verpflichten sich demnach, den Großteil "stichhaltiger Anträge auf Entfernung illegaler Hasskommentare in weniger als 24 Stunden zu prüfen und solche Inhalte zu entfernen".

Die Unternehmen sagen auch zu, "klare und wirksame Verfahren" sowie eigene "Überprüfungsteams" für Beschwerden zu Hetze im Internet einzurichten. Das Personal soll regelmäßig zu "aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen" geschult werden. Die Selbstverpflichtung zeigt den wachsenden Druck auf die Tech-Konzerne in Europa.

Die Absichtserklärungen erinnern auf den ersten Blick stark an das, was Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) in seiner Arbeitsgruppe zu Hasskommentaren mit Facebook, Twitter und Google beschlossen hat. Auf den zweiten Blick allerdings gibt es Unterschiede - und deshalb kommt nun Kritik aus dem Berliner Justizministerium.

Sorgen im Justizministerium

Staatssekretär Gerd Billen, der die Task Force zu Hasskommentaren für Maas leitet, nennt den Kodex "einen ersten wichtigen Schritt auf europäischer Ebene". Er sagte SPIEGEL ONLINE allerdings auch, dass die Regeln zu kurz greifen: "Die Maßnahmen, über die wir uns in Deutschland mit den in unserer Task Force vertretenen Unternehmen verständigt haben, gehen aber weiter."

Tatsächlich klingt manche Regelung in der Berliner Abmachung etwas deutlicher: Dort verpflichten sich die Konzerne, alle Nutzermeldungen binnen 24 Stunden zu überprüfen und gegebenenfalls zu entfernen. Im Brüsseler Verhaltenskodex ist nur von "stichhaltigen Anträgen" die Rede. Damit könnte gemeint sein, dass die Regeln nur für solche Meldungen gelten, die von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) kommen, mit denen die Netzwerke zusammenarbeiten - aber nicht für Meldungen normaler Nutzer.

Im Ministerium ist die Sorge zu spüren, dass sich Facebook in Zukunft eher auf die etwas weicheren Abmachungen mit Brüssel berufen könnte. Staatssekretär Billen formuliert es so: "An den Zusagen in der Task Force müssen sich die Unternehmen auch weiterhin messen lassen."

Die Sorge speist sich daraus, dass die bisherigen Abmachungen eben nicht gut und sichtbar umgesetzt werden. Die Meldeprozesse laufen in der Masse nicht zuverlässig ab, an dieser Nutzererfahrung hat sich auch durch Facebooks Zusagen in Berlin kaum etwas geändert. Wiederholt haben sich Maas und sein Staatssekretär zuletzt beschwert, dass Facebook seinen Ankündigungen Taten folgen lassen müsse.

Die Forderung im Brüsseler Kodex ist dabei womöglich sogar realistischer - denn die Praxis zeigt, dass nur gemeldete Beiträge, die von akzeptierten NGOs kommen, genauer überprüft werden.

Wo bleibt das nationale Recht?

Bleibt die große Frage, woran sich die Netzwerke bei Löschungen orientieren sollen: Während in der Berliner Task Force zumindest die Rede davon ist, dass der Maßstab für das eventuelle Sperren von Beiträgen deutsches Recht ist, fehlt etwas Vergleichbares im Brüsseler Verhaltenskodex.

Diese Kritik kommt nicht nur aus dem Berliner Justizministerium, sondern auch von Aktivisten unterschiedlicher Richtungen. "Der Verhaltenskodex stellt Geschäftsbedingungen der Dienste über das nationale Recht", sagte Estelle Masse, von der digitalen Bürgerrechtsgruppe Access Now. Ihre NGO sollte an der Erarbeitung des Kodexes mitarbeiten, zog sich aus Protest gegen das Ergebnis jetzt aber aus dem "IT-Forum der EU" zurück.

Auch die Aktivisten der Electronic Freedom Foundation (EFF) kritisieren den Umstand, dass der Kodex nicht die unterschiedliche Rechtsprechung in den einzelnen Staaten aufgreift. Die EFF steht Eingriffen in freie Meinungsäußerung prinzipiell kritisch gegenüber. Jene, die im Brüsseler Kodex Zensur wittern, schafften es sogar, in der Nacht zum Mittwoch auf Twitter einen Hashtag unter die beliebtesten Themen zu bringen. Er lautet #IStandWithHateSpeech - ich stehe an der Seite von Hasskommentaren.

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Hasskommentare im Netz: Berlin hadert mit Brüssels Facebook-Kodex

Rechtsnationale in Europa: Die Angstmacher

Sie sind auf dem Vormarsch: Rechtsnationalistische Parteien schüren irrationale Ängste, gaukeln simple Lösungen vor. Wo die Taktik aufgeht, sehen Sie auf der interaktiven Europakarte.

Grenzzaun in Ungarn im September 2015

Grenzzaun in Ungarn im September 2015

Sie sind gegen Minarette und "massenhafte, unkontrollierte Zuwanderung". Sie wollen härtere Strafen für Kriminelle und weniger Kompetenzen für die EU. Sie sprechen von "Leitkultur" und einem "gesunden Patriotismus". Das meiste von dem, was die Alternative für Deutschland (AfD) kürzlich auf ihrem Parteitag beschlossen hat, könnten Frankreichs Front National oder der Ungarische Bürgerbund genauso beschließen.

Auch die Freiheitliche Partei Österreichs oder Italiens Lega Nord kann vielem davon applaudieren. Vermutlich auch die Partei "Die Finnen" (vorher "Wahre Finnen").

Am Ende dieses Textes finden Sie eine Europa-Karte der rechten Parteien. Direkt zur Karte gelangen Sie hier.


Denn sie mögen zwar bunt-verschieden wirken, hausgemacht wie ländertypische Wurst- und Käsespezialitäten. Aber tatsächlich ticken Europas nationalistische Parteien alle gleich, benutzen dieselbe Rhetorik.

Ihre Botschaft an die Menschen heißt: Ihr müsst euch nicht verändern, ihr könnt Kleinbauern bleiben, eure "Tante Emma-Läden" weiter führen, ihr müsst nicht zu den Jobs wandern, die kommen zu euch - wenn ihr uns wählt. Wir sind für euch da. Wir schützen euch vor den Währungs- und Finanzkrisen, vor dem Terror, vor den Kriegsflüchtlingen, vor allem.

Eine "Form des Protektionismus" nennt der niederländische Soziologe Paul Scheffer die politische Offerte, die auf ein zentrales Gefühl der europäischen Gesellschaften reagiere, auf deren "Sehnsucht nach mehr Sicherheit". Das Gefühl der Sicherheit ist das, was den Unter- und längst auch den Mittelschichten in den Umbrüchen des 21. Jahrhunderts zunehmend abhanden kommt.

"Verseucht und versifft"

Das ist der Boden, auf dem ein neues Gespenst sich in Europa breit macht. Mit populistischen Parolen orten die Rechtsparteien die Schuld für alles Schlechte aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten beim politischen Establishment. Dieses sei korrupt, machtbesessen und sitze weit weg vom Volk. Es orientiere sich vornehmlich an den Wünschen von wirtschaftlichen, ethnischen, religiösen oder sexuellen Minderheiten und lasse mit zu laschen Gesetzen und zu zögerlichem Handeln zu, dass das Land "verseucht" und "versifft" wurde, so AfD-Vize Jörg Meuthen.

Dagegen kämpfen die rechten Reformer. Als solche sehen sie sich zumindest selbst. Ihre simple Botschaft: Sie versprechen den Kampf des "Wir" gegen "die" zu führen.

Wer "die" sind, hängt vom "Wir" ab: Wir von der norditalienischen Lega Nord sind gegen "die in Rom" und gegen "die im Süden", weil die auf unsere Kosten leben. Wir vom belgischen Vlaams Belang stehen gegen "die in Brüssel" und gegen den "Einheitsstaat Belgien", weil uns "die Wallonen", die faulen Mitbürger in Südbelgien, auf der Tasche liegen. Wir von der polnischen Prawo i Sprawiedliwosc (PiS) sind gegen "die EU, gegen Deutschland und Russland", weil die uns Polen in die Ketten der Abhängigkeit schlagen wollen. Wir von der FPÖ in Österreich sind gegen "die Freunderlwirtschaft" der Regenten in Wien, weil die uns vor dem Zustrom allzu vieler Ausländer nicht bewahren. "Deutsche zuerst", heißt ihre Parole, oder "Franzosen zuerst" oder "Polen zuerst", je nach Standort der Rechtspartei-Zentrale.

Die Feindbilder sind überall gleich: Kriminelle, Flüchtlinge, Homosexuelle

Die Unterschiede sind wichtig als Lokalkolorit für die politische Show-Bühne. Tatsächlich haben die rechten Bürgerfronten überall ganz ähnliche Feindbilder. Auch hier beschränken sie sich auf einfache Botschaften, picken sich Minderheiten heraus, schüren irrationale Ängste und suchen Sündenböcke. Überall das gleiche Bild vom "Wir gegen die". Zu den vermeintlichen "Problemgruppen" gehören:

  • Kriminelle, die vom Staat zu lasch bestraft werden;
  • Einwanderer, Flüchtlinge und Asylanten, die in zu großer Zahl ins Land kommen und dort den eigenen Bürgern ("uns") die Jobs wegnehmen. Oder die, so die Propaganda, wenn sie "keine Lust zum Arbeiten" haben, von Sozialhilfe leben, die "wir" bezahlen müssen. Viele von denen kämen, um kriminelle Taten zu begehen, vorzugsweise gegen "unsere" Frauen;
  • Muslime, das meistbemühte Feindbild, werden dargestellt als Eindringlinge, die das Gastland ("uns") kulturell und religiös verändern, sprich: islamisieren wollen; viele von ihnen wollen "uns" durch Terrorakte schaden, was die Attentate in New York, Paris und an anderen Tatorten angeblich belegen;
  • Roma, Homosexuelle, "das internationale Judentum" oder russische Investoren übernähmen in osteuropäischen Ländern, wo es mangels größerer Anteile von Muslimen keine diesbezüglichen Ängste in der Bevölkerung gibt, dort deren Rollen;
  • "die in Brüssel", also die Institutionen der Europäischen Union, die "unsere" kulturellen Identitäten angeblich normieren und damit vernichten wollen; die "EU-Bürokraten", so die Mär, vertreten außer ihren eigenen nur die Interessen der Großindustrie; die Bedürfnisse "der kleinen Leute" würden "von Brüssel" skrupellos geopfert.

Und wenn sie an der Macht sind...

Diese "Schuld-sind"-Rhetorik kommt gut an. Fast überall in Europa legen rechtsnationalistische Parteien zu. In etlichen Staaten - so in Litauen, Lettland, Slowakei, Finnland, Griechenland und in den Nicht-EU-Staaten Schweiz und Norwegen - sitzen oder saßen die Newcomer vom rechten Rand schon mit am Kabinettstisch.

In Polen regiert seit vorigen Herbst die von den Kaczynski-Zwillingsbrüdern gegründete katholisch-nationalistische Partei Prawo i Sprawiedliwosc, übersetzt: Recht und Gerechtigkeit. Die eifert, wie es aussieht, dem nach, was in Ungarn ein besonders ausgefallenes und erfolgreiches Exemplar des populären Nationalismus nun schon in dritter Amtszeit anrichtet.

Viktor Orbán, Chef des Bürgerbundes Fidesz, hat die Presse seines Landes praktisch gleichgeschaltet, gängelt die Justiz. Viviane Reding, Luxemburger Europapolitikerin und ehemalige EU-Kommissarin spricht von einer "Putinisierung". In Ungarn geschehe "das Gegenteil von alledem, was wir in Europa aufgebaut haben". An Ungarns Grenze werden Frauen und Kinder mit Tränengas beschossen. Dafür steht in der neuen Verfassung viel von Gott, Vaterland und Nationalstolz.

Auch Kroatien ist nach 100 Tagen rechtsnationalistischer Regentschaft auf strammem Rechtskurs. Dort geht es zuerst gegen die Medien, werden Journalisten ausgetauscht und eingeschüchtert. Kritik ist unerwünscht, da wo die Rechts-Nationalisten regieren.

Verständlich, denn ihre politische Masche taugt ja nur, solange sie nicht regieren. Solange können sie die Ängste der Bürger aufgreifen, sie weiter schüren - ohne selbst aktiv werden zu müssen. Wenn sie erst an der Regierung sind, ist der Lack schnell ab.

Das dürfte sich exemplarisch zeigen, wenn Marine Le Pen mit ihrem Front National die nächsten Wahlen gewinnt, was ja durchaus vorstellbar ist. Das meiste aus ihrem umfangreichen Programm - Nationalisierung der Banken, Schutzzölle für die heimische Landwirtschaft, Umbau oder Austritt aus der EU - wäre nicht realisierbar, ohne dass Frankreich schweren Schaden nähme. Den Franzosen würde es schlechter gehen, nicht besser.

Und wie sähe es im Land von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" aus, wenn dort alle illegal eingereisten Ausländer umgehend weggeschafft würden? Eine Legalisierung, ein nachträgliches Bleibe- oder Asylrecht wird ausgeschlossen. Organisationen, die sich für die Rechte der Fremdlinge einsetzen, werden verboten. Das Wahlprogramm muss schnell vergessen werden, oder das Land wird schrecklich inhuman.

Krawatte statt Springerstiefel

Auf dem Weg zur Macht geben sich die neueren Parteien und Bewegungen ganz anders als ihre Vorläufer. Die extreme Rechte der Fünfziger- und Sechzigerjahre war meist neofaschistisch oder revisionistisch. Sie wollte einen anderen Staat, eine andere Ordnung. Ihre Wortführer und noch mehr ihre Anhänger kamen gern als plump-gewalttätige Umstürzler daher und machten den Bürgern Angst. Die gibt es immer noch, sie machen immer noch Randale, haben aber in den meisten EU-Ländern heute wie früher keine Chance auf eine breitere Unterstützung. Es ist das hässliche Gesicht der Rechten, das will die bürgerliche Mitte nicht wählen.

Die modernen Rechtsparteien, die sich in Westeuropa seit den Siebzigerjahren, im Osten seit den Neunzigerjahren entwickelten, haben keine Glatzköpfe, tragen keine Springerstiefel - sie tragen Krawatte, Kostümchen und Schminke. Sie geben sich zeitgemäß, pragmatisch und anpassungsfähig.

Sie wollen die Demokratie nicht abschaffen, sie wollen sie "wehrhaft" machen, behaupten sie. Um alles das zu verteidigen, was durch Modernisierung und Globalisierung angeblich in Gefahr ist: der Job, die Rente, die Heimat, in der man sich wohl und daheim fühlt, das Schrebergartenidyll im Zentrum der City. Klingt harmlos. Ist es leider überhaupt nicht.

Ratlos am Gartenzaun stehen derweil die sozial- oder christdemokratischen Parteien neben den liberal oder ökologisch getönten Wahlvereinen. Sie beschimpfen die neue Konkurrenz als Populisten, so als ob sie nicht schon längst selbst welche wären. Oder sie kopieren ganz ungeniert manches aus dem Arsenal der Nationalisten. Denn vieles von dem ist ja genau das, was auch ihre Wähler gern hätten. Und sie trauen sich einfach nicht, den Wählern zu sagen, dass es so nicht geht mit der Lösung globaler Schwierigkeiten. Nicht wenn sie regieren und nicht wenn die rechten Wunder-Versprecher regieren.

Wie stark sind die neuen Rechten in Europa? Klicken Sie auf die einzelnen Länder.

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Rechtsnationale in Europa: Die Angstmacher

Orgie in Budapest: Manager wegen Sex-Skandal bei Hamburg-Mannheimer vor Gericht

Zwei Manager sollen für Mitarbeiter der Hamburg-Mannheimer eine Party mit 20 Prostituierten organisiert haben. Dafür müssen sie sich nun vor Gericht verantworten. Einem Angeklagten drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Gellert-Therme in Budapest

Gellert-Therme in Budapest

Es war eine Orgie mit 20 Prostituierten für 330.000 Euro: Zwei Manager müssen sich wegen des Sex-Skandals bei der Versicherung Hamburg-Mannheimer vor Gericht verantworten.

Ein Ex-Mitarbeiter der Vertriebsorganisation Hamburg-Mannheimer International sei wegen Untreue in einem besonders schweren Fall angeklagt, sagte ein Sprecher des Hamburger Landgerichts. Dem Mann drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Einem Mitgeschäftsführer einer Eventagentur wird Beihilfe zur Untreue vorgeworfen. Der Prozess soll Mitte Juli starten.

Party-Kosten verschleiert

Die Angeklagten sollen 2007 eine Sex-Party für mindestens 64 Versicherungsvertreter in einem Budapester Bad organisiert haben. Hiermit sowie mit der Verschleierung der Party-Kosten sollen sie gegen interne Unternehmensrichtlinien verstoßen haben.

Die Eventagentur soll dem Unternehmen insgesamt rund 330.000 Euro in Rechnung gestellt haben. Daraus sei der Versicherung laut Staatsanwaltschaft ein Schaden von rund 52.000 Euro entstanden, sagte der Sprecher.

Die frühere Hamburger Versicherung ist heute Teil des Ergo-Versicherungskonzerns in Düsseldorf. Er hatte die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit einer Strafanzeige ausgelöst.

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Gefährliches Virus: Ein Dutzend Zika-Fälle im Mai in Deutschland

Ägyptische Tigermücke: Verbreitung des Virus in den Mittelmeerländern
EPA/Oscar Riveradpa/dpa

Ägyptische Tigermücke: Verbreitung des Virus in den Mittelmeerländern

In Deutschland wurden im Mai zwölf Infektionen mit dem vor allem für Ungeborene gefährlichen Zika-Virus gemeldet. Die Dunkelziffer soll allerdings hoch sein.

Im ersten Monat nach der Einführung einer amtlichen Meldepflicht für das Zika-Virus haben die Behörden in Deutschland zwölf Krankheitsfälle registriert. "Wir gehen davon aus, dass sich alle Erkrankten auf Reisen angesteckt haben", sagte eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Seit Oktober sei damit die Zahl der behördlich erfassten Zika-Erkrankungen in Deutschland auf 56 gestiegen. Die Meldepflicht gilt erst seit dem 1. Mai. "Es dürfte eine nicht unerhebliche Dunkelziffer geben, da die Krankheit in der Regel mild verläuft und Betroffene gar nicht erst zum Arzt gehen", so die Sprecherin des Instituts.

Zika ist bisher in etwa 60 Ländern nachgewiesen worden. Besonders betroffen sind Länder in Mittel- und Südamerika. Gesundheitsexperten und Sportler äußerten bereits Bedenken wegen des Infektionsrisikos bei den Olympischen Spielen in Rio im August.

Der Baseballspieler Francisco Rodriguez von den Detroit Tigers sagte, er habe sich in seiner Heimat Venezuela mit dem Zika-Virus angesteckt und zwei Monate gebraucht, um wieder vollständig zu genesen. Er würde Athleten keinen Vorwurf machen, wenn sie auf die Teilnahme an Olympia verzichten würden, sagte Rodriguez dem Portal ESPN.com. "Wenn sie planen, Kinder zu haben, müssen sie darüber nachdenken."

Zika wird hauptsächlich durch Mückenstiche verbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation WHO weist aber darauf hin, dass Zika auch sexuell übertragbar ist. Touristen aus Zika-Gebieten wird daher geraten, nach ihrer Heimreise mindestens acht Wochen auf ungeschützten Geschlechtsverkehr zu verzichten.

Weil es mittlerweile als erwiesen gilt, dass Zika Schädelfehlbildungen bei Ungeborenen auslösen kann, raten Experten Frauen und Männern, die planen ein Kind zu zeugen, damit mindestens sechs Monate nach ihrer Reise in ein Zika-Gebiet zu warten. Bei infizierten Erwachsenen treten in einigen Fällen Hautausschlag, Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen, Bindehautentzündung und manchmal Fieber auf.

Insgesamt stuft die WHO das Risiko einer Ausbreitung des Virus in Deutschland als gering ein. Allerdings könnte sich Zika in den Mittelmeerländern über die Gelbfiebermücke Aedes aegypti, auch bekannt als Ägyptische Tigermücke, verbreiten. Gefährdet seien vor allem die Insel Madeira und die Schwarzmeerküste in Georgien und Russland.

Ein mäßiges Risiko besteht in 18 Ländern, darunter viele Mittelmeerstaaten wie Frankreich, Italien, Spanien, Kroatien, Griechenland und die Türkei, wo die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) das Virus weitergeben kann.

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Armenien-Resolution: Wütend gegen die Wahrheit

Demonstration gegen Armenien-Resolution in Berlin

Demonstration gegen Armenien-Resolution in Berlin

Der Bundestag will die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord einstufen. Kritik kommt aus der Türkei und von Fans der Regierungspartei AKP in Deutschland - in einem unerträglichen Ton.

Wenn Hunderttausende Menschen systematisch vertrieben und umgebracht werden, wenn Mitglieder einer Bevölkerungsgruppe gezielt festgenommen und in Internierungslager gesteckt werden, wie will man das anders nennen als Völkermord? Eine Mehrheit von Historikern weltweit ist sich darüber einig, dass das, was in den Jahren ab 1915 in der Türkei geschah, ein Genozid an Armeniern und anderen christlichen Minderheiten war. Schätzungsweise bis zu 1,5 Millionen Menschen starben.

Die Türkei, Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches, sieht das anders. Das ist ihr gutes Recht. Sie verweist auf einige Historiker, die ihre Sicht stützen: nämlich dass es bedauerlicherweise Gewalttaten gab - denn die lassen sich nun wirklich nicht leugnen -, dass aber Krieg herrschte, es auf armenischer Seite bei weitem nicht so viele Opfer gab wie von der Mehrzahl der Geschichtsforscher behauptet, und dass führende Armenier Kollaborateure des feindlichen Russlands waren, Verräter und Spione.

Diese Sicht widerspricht zwar den mehrheitlich anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Türkei weigert sich aber trotzdem, ihre Position zu ändern. Doch anstatt die Diskussion zu suchen, die sachlich geführte Auseinandersetzung, werden alle, die das Wort Völkermord benutzen, mit Drohungen und Beschimpfungen traktiert. Wer von Völkermord rede, sei ein "Feind der Türkei", heißt es in den moderateren Beiträgen.

Ausgerechnet diejenigen, die aus verletztem Stolz, falsch verstandenem Patriotismus und ohne genau hinzuschauen behaupten, die Türkei führe keinen Krieg gegen Teile der kurdischen Bevölkerung, sondern bekämpfe lediglich die PKK (dabei legten türkische Sicherheitskräfte ganze Straßenzüge in mehreren Städten im Südosten des Landes in Schutt und Asche), die klagen, "Feinde der Türkei" würden Istanbul zurückerobern und die Türkei "spalten" wollen, ausgerechnet diejenigen also, die nicht einmal die Gegenwart sachlich zu beurteilen vermögen, maßen sich an, ein Ereignis vor mehr als einem Jahrhundert bewerten zu können? Indem sie Menschen anderer Meinung als "Armenierschweine" und "Speichellecker der Islamfeinde" beschimpfen und teilweise nicht einmal vor Morddrohungen zurückschrecken?

Es geht nicht darum, der heutigen Türkei eine Schuld zuzuschreiben. Die Bundestagsabgeordneten wollen eine deutsche Mitschuld an den damaligen Gräueltaten anerkennen. Das ist ein Zeichen von Größe, nicht von Schwäche. Denn tatsächlich hatten deutsche Politiker, Diplomaten und Offiziere die Deportationen damals billigend in Kauf genommen, sogar gutgeheißen, politisch abgesichert und damit mitverantwortet. Das Osmanische Reich war eben ein zu wichtiger Partner im Ersten Weltkrieg, als dass man sich gegen ihn hätte stellen wollen.

Wenn es für Deutschland eine Lehre aus den damaligen Ereignissen gibt, dann die, dass man bei Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen nicht schweigen darf, selbst wenn sie ein verbündeter Staat begeht. Die Kritik, man könnte auch ruhig der Opfer anderer Gräueltaten gedenken, ist durchaus berechtigt. Aber hier geht es auch um die "unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches", wie es in dem Resolutionsentwurf heißt, um deutsche Mitschuld. Hier ist Gedenken umso dringender geboten.

Die Bundesrepublik hätte schon im vergangenen Jahr, zum hundertsten Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern, eine Resolution verabschieden sollen. Das wurde in letzter Minute, aus Rücksichtnahme auf die Türkei, abgesagt.

Drohungen und Beschimpfungen dürfen die Abgeordneten nicht abhalten: Es ist an der Zeit, das Versäumte nachzuholen.

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Armenien-Resolution: Wütend gegen die Wahrheit

Sozialstaat: Mehr als eine Million Menschen leben dauerhaft von Hartz IV

Mehr als eine Million Erwachsene beziehen seit mehr als neun Jahren Hartz IV. Damit ist jeder vierte Hartz-IV-Empfänger laut einem Medienbericht dauerhaft auf die Sozialleistung angewiesen.

Sozialkaufhaus in Rostock

Sozialkaufhaus in Rostock

Jeder vierte Hartz-IV-Empfänger lebt seit mehr als neun Jahren von der Sozialleistung. Für 1,14 Millionen Männer und Frauen ist Hartz IV damit zum Dauerzustand geworden. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen hervor, wie die "Thüringer Allgemeine" berichtet.

Danach waren im Juni 2015 insgesamt 4,4 Millionen erwerbsfähige Hartz-IV-Empfänger in der Grundsicherungsstatistik registriert. Davon waren 1,14 Millionen Dauerbezieher. Die Betroffenen haben neun oder mehr Jahre lang Hartz IV bekommen - mit höchstens einem Monat Unterbrechung.

Erwerbsfähige Hartz-IV-Bezieher sind

  • Arbeitslose ,
  • Aufstocker, die Hartz IV ergänzend zu ihrem Lohn erhalten,
  • oder Menschen, die Angehörige pflegen und dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen.

Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Brigitte Pothmer, nannte die Zahlen "alarmierend". "Das ist die Quittung für die massiven Kürzungen der letzten Jahre und eine verfehlte Arbeitsmarktpolitik", sagte Pothmer der "Thüringer Allgemeinen".

  • SPIEGEL ONLINE/Getty Images
    Ein Rentner in München kann sich keinen Besuch mehr im Biergarten leisten. Eine Familie mit vier Kindern fürchtet den sozialen Abstieg. Eine Frau aus Aachen gilt als arm, sieht sich aber nicht so. Armut in Deutschland hat viele Facetten. Unsere Reporter Florian Diekmann und Britta Kollenbroich haben Armut in Deutschland untersucht.
  • Lesen Sie hier die Reportage.

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