Arbeitsmarktreform in Frankreich: In Paris herrscht die Wut

mardi 14 juin 2016

Während Fußballfans in ganz Frankreich die EM feiern, sind in Paris Tausende Franzosen auf die Straße gegangen, um gegen die Arbeitsmarktreform zu protestieren. Am Ende kam es zu Ausschreitungen.

Am Rande der Demo: Straßenschlacht in Paris

In einer Seitenstraße des Place d'Italie im Süden von Paris erinnert eine einsame schwedische Flagge an das EM-Spiel von Montagabend. Ein paar Meter weiter, auf dem Platz selbst, wogt am Dienstag ein anderes Fahnenmeer: Lila, blau, pink, gelb, orange, weiß - jede Fahne gehört zu einer französischen Gewerkschaft.

Sieben von ihnen haben zu einem "Tag der nationalen Demonstration" aufgerufen, so nennen sie es selbst. Tausende Menschen sind dem Appell gefolgt und nach Paris gekommen, um gegen das geplante Arbeitsgesetz zu protestieren.

Die französische Regierung will das Arbeitsrecht flexibler gestalten und so neue Arbeitsplätze schaffen. Künftig soll es mehr Vereinbarungen auf Unternehmensebene gegen; Arbeitszeiten und Löhne sollen direkt zwischen einem Arbeitgeber und seinen Mitarbeitern verhandelt werden, nicht mehr überbetrieblich. Auch Arbeitszeiten sollen in Zukunft flexibler gestaltet werden und nicht mehr strikt an die 35-Stunden-Woche gebunden sein.

Bekannt geworden ist das Gesetz unter dem Namen "Loi Travail" oder auch "Loi El Khomri", benannt nach der französischen Arbeitsministerin Myriam El Khomri.

Viele Arbeitnehmer in Frankreich sehen darin eine Aushöhlung ihrer Rechte. Länger arbeiten für weniger Geld, diese Befürchtung wird immer wieder geäußert. Auch Gewerkschaften sind gegen das Gesetz, weil es ihren Einfluss auf Verhandlungen verringere. Seit Monaten gibt es deshalb Proteste und Streiks: Raffinerien und Treibstofflager wurden blockiert, Staatsbahn und Pariser Müllabfuhr bestreikt.

"Ich denke vor allem an meine Kinder" - darum gehen die Franzosen auf die Straße:

Der heutige Protesttag ist bereits der neunte seit Beginn der Demonstrationen im März - und es sollte der größte werden: Philippe Martinez, Generalsekretär der Gewerkschaft CGT, hatte zuvor eine "mobilisation énorme" angekündigt, eine gewaltige Mobilmachung. Busse und Autos wurden organisiert, um Menschen aus ganz Frankreich nach Paris zu bringen. "Dennoch möchten wir betonen, dass die Demonstrationen keinesfalls das Ziel haben, die Durchführung der Europameisterschaft zu behindern", betont die Gewerkschaft CGT gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Nach Angaben der Polizei nahmen 75.000 bis 80.000 Personen an den Protesten in Paris teil. Die Organisatoren sprechen von einer Million. In beiden Fällen liegen die Schätzungen damit höher als bei der bisher größten Demonstration am 31. März.

Frédérique Tirton, 48, ist aus Niort angereist, einer Stadt im Südwesten Frankreichs, 400 Kilometer von Paris entfernt. Obwohl sie als Lehrerin gar nicht unmittelbar betroffen ist, protestiert sie gegen das "Loi El Khomri": "Ich will diese Gesellschaft nicht, die Madame El Khomri und die Regierung da für uns vorbereiten. Ich will nicht in einem Staat leben, der von den Arbeitgebern kontrolliert wird", sagt Tirton. "Mit dieser Demonstration heute wollen wir der Regierung zeigen, dass sie nicht einfach über unsere Köpfe hinweg entscheiden kann."

Tatsächlich entflammten die Proteste auch wegen einer Aussage El Khomris, wonach die Regierung das Gesetz zur Not auch ohne Parlamentsabstimmung durchsetzen könne; so stehe es im Artikel 49,3 der Verfassung. Viele der Anwesenden macht das wütend; sie protestieren nicht nur gegen das Arbeitsgesetz selbst, sondern auch gegen die Art und Weise, wie die Regierung damit umgeht. "Ich bin kein Experte, was das Arbeitsgesetz angeht. Aber mich stört, wie sie das gemacht haben", sagt ein 20-Jähriger, der an der Sciences Po studiert und lieber anonym bleiben will. " François Hollande hat 2006 selbst gesagt, dass der Artikel 49,3 eine Verleugnung der Demokratie ist."

Betrachtet man die Menschen auf dem Place d'Italie, fällt auf, dass vor allem ältere Demonstranten eine der bunten Gewerkschafts-Fahnen tragen. Die jungen sind einfach so gekommen, so wie der 20-jährige Student. "Wir wollen zeigen, dass das nicht nur Proteste sind, die die Gewerkschaften organisieren", sagt er. "Wir gehören keiner Gewerkschaft an, und wir sind trotzdem hier."

Auffällig ist auch, dass die Stimmung auf dem Platz von Beginn an geteilt ist: Auf der einen Seite herrscht Festivalstimmung, aus Lautsprechern schallt Partymusik, in großen Pfannen brutzeln Würstchen und Fleischspieße. Auf der anderen Seite ist schon eine Stunde vor Start lautes Gebrüll zu hören. Immer wieder kracht ein Böller, Rauch wabert durch die Luft. Vor den Protesten hatte die Pariser Polizei 130 Personen verboten, überhaupt zu erscheinen. Sie waren bei früheren Protesten aufgefallen.

Auf dem Demonstrationszug in Richtung Les Invalides kommt es am späteren Nachmittag dann zu Ausschreitungen: Demonstranten werfen Fensterscheiben eines Krankenhauses ein und attackieren Geschäfte. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas gegen die Randalierer ein. Am Ende des Tages steht folgende Bilanz: Mindestens elf Verletzte unter den Demonstranten, 29 bei den Polizisten. Über 50 Personen wurden festgenommen.

Ob und wenn ja, welche Konsequenzen der Protesttag gegen das Arbeitsgesetz haben wird, ist unklar. Das wissen auch die Demonstranten: "François Hollande wird das Gesetz nicht zurückziehen, nur weil wir hier auf die Straße gehen", sagt eine Teilnehmerin. Eines aber hat die Demonstration in Paris heute gezeigt: Frankreich ist gerade eigentlich mit wichtigeren Dingen beschäftigt als der Fußball-Europameisterschaft.

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