E-Antrieb von Relo: Der Nachtreter

mardi 14 juin 2016

E-Antrieb von Relo: Rückenwind aus der Dose
SPIEGEL ONLINE

Ein Elektro-Fahrrad muss man nicht unbedingt neu kaufen. Denn das eigene Bike lässt sich elektronisch nachrüsten. Eine gute Idee - bis der Kampf mit der Software beginnt.

Hat Sigmund Freud jemals auf einem Fahrrad gesessen?

Das berühmte Modell des Psychoanalytikers, wonach die kindliche Entwicklung sich von der Geburt bis zur Pubertät in verschiedene Phasen einteilen lässt, kann ich - natürlich leicht abgewandelt - problemlos auf mein Test-Bike übertragen. Das steckt gerade in der Verweigerungs-Phase. Sehr anstrengend, kann ich nur sagen.

Ich teste seit ein paar Wochen ein weißes Damenrad mit dem innovativen Relo-Steckantrieb. Relo ist ein Start-up aus Nürnberg, das einen Nachrüstsatz verkauft, der fast jedes Fahrrad - egal ob Mountainbike oder Hollandrad - in ein Pedelec verwandeln kann.

Dieses Steck-Set besteht im wesentlichen aus nur drei Teilen: einem kleinen Getriebe, das am Tretlager befestigt wird und einem schwarzen Zylinder, der oben einen Lithium-Ionen-Akku und unten einen E-Motor enthält.

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Relo verspricht, dass der Antrieb von einem Händler in nur 15 bis 30 Minuten am Rad montiert werden kann. Dazu zieht der Fachmann die linke Kurbel am Rad ab, steckt einen Adapter auf die Achse, auf dem das Getriebe montiert wird. Mit Metallbändern wird der Adapter am Rahmen fixiert.

Klingt erst einmal nach einer guten Idee - liegen E-Bikes doch voll im Trend und nicht jeder Radfahrer will der Mode wegen seinen liebgewonnenen Untersatz in der Garage verstauben lassen.

Der Akku tankt in 45 Minuten auf

Doch der Relo-Steckantrieb - und da kommen wir zu Freud - ist noch recht jung, erst seit März dieses Jahres wird er unter anderem über die firmeneigene Internetseite verkauft. Er steckt quasi in seiner ersten Entwicklungsphase: der unkontrollierten Strampel-Phase. Dazu später mehr.

Vor der ersten Testfahrt kommt der Akku an die Steckdose. Nicht höher als ein Trinkbecher ist der Energiespeicher und kann Mithilfe des mitgelieferten Ladegerätes in 45 Minuten vollgetankt werden. Irgendwie erinnert das Design des Speichers an einen elektrischen Milchaufschäumer - und findet deshalb auf jedem Schreibtisch Platz.

Etwas schwerer, aber nicht viel größer ist der mit einer Nennleistung von 250 Watt ausgestattete Motor. Beide Teile befestige ich mit einem Handgriff am Fahrrad und starte das System per Knopfdruck. Der Akku leuchtet weiß auf und bestätigt damit, dass er betriebsbereit ist. Nun verbindet sich via Bluetooth der Antrieb mit einem Daumenschalter am Fahrrad, über den die Stärke der elektrischen Unterstützung angewählt werden kann - nämlich leicht, mittel oder stark.

Ein Update ist da!

Wer zuvor die Relo-App heruntergeladen und sein Smartphone am Lenker montiert hat, kann sich auf dem Display die Stärke der Unterstützung anzeigen lassen.

Jetzt aber los, Akku an und in die Pedale treten. Beim Fahren kommt dann Freud ins Spiel. Freud ist in diesem Fall der Gegner der Freude.

Wer elektrisch unterstützt seines Weges radelt und sich einen kurzen Moment der Ruhe gönnen will, bekommt statt eines leisen Freilauf-Säuselns einen Nachtritt vom Pedal verpasst. Dieser Schlag hebt einen leicht aus dem Sattel - so unangenehm ist das. Die mit dem Akku möglichen 25 bis 50 Kilometer Reichweite - je nach Fahrweise - mag man so jedenfalls nicht zurück legen. Ab einer Geschwindigkeit von 25 km/h schaltet die E-Unterstützung automatisch ab.

Hilfe kommt per Mail: Mich erreicht die Info über ein Update für den Antrieb. Danach sei das Problem mit dem lästigen Nachtreten behoben, verspricht das Unternehmen.

Wenn das Problem so leicht zu lösen ist... Über die Relo-App lade ich die Aktualisierung herunter. Das funktioniert tatsächlich unkompliziert. Eine Meldung weist darauf hin, dass der Akku nach dem Update neu gestartet werden muss. Damit beginnt eine neue Entwicklungsphase: die Verweigerungs-Phase.

Der Relo-Antrieb kostet 2200 Euro

Nach dem Update dauert es viele lange Minuten, bis der Akku erneut startet. Eigentlich dachte ich mal, ein modernes E-Bike bringt mich schneller zur Arbeit als mein Drahtesel aus den Fünfzigern.

Doch das Warten nach dem Update zieht das Startprozedere - Handy am Lenker befestigen, Akku und Motor montieren - weiter in die Länge. Vielleicht werden wir Radler bald in Erinnerungen schwelgen und sagen: Ach, was waren das für Zeiten, als man auf sein Fahrrad einfach aufsteigen und los fahren konnte.

Nach der Zwangspause heißt es endlich aufsatteln. Anders als von Relo versprochen ist der Nachtritt zwar nicht komplett ausgemerzt, fällt aber deutlich sanfter aus als zuvor. Doch mit dem Update taucht ein neues Problem auf: die zuvor gut dosierte Abstimmung zwischen den drei Leistungsstufen ist nahezu weg, egalisiert. Ich schalte zwischen leicht, mittel und stark hin und her, doch der Antrieb verweigert mir gefühlt eine unterschiedliche Intensität der elektrischen Unterstützung.

So langsam fängt das System an, mich zu nerven.

Die gut gedachte Hardware wird offenbar von einer Software gesteuert, die noch nicht ganz ausgereift ist. Freud hat der kindlichen Entwicklung sechs Phasen geschenkt, mit dem Relo-Steckantrieb hab ich nun zwei durchlebt. Das reicht erstmal.

Wer Geduld mitbringt, erhält mit dem Relo-Steckantrieb am Ende sicher ein ausgereiftes Produkt. Doch für einen Preis von 2200 Euro kann der Kunde das auch von Anfang an erwarten. Zwar sind Software-Probleme bei neuen Elektronikartikeln wie Handys oder Tablets mittlerweile von den Kunden, die in vielen Fällen regelrecht als Beta-Tester missbraucht werden, akzeptiert. Doch ob das auch für eine so traditionelle Industrie wie die Fahrradbranche gilt, ist fraglich.

Ich jedenfalls brauche nicht noch ein Kind, das ich durch verschiedene Entwicklungsphasen begleite. Ich hab schon eins!

Ach übrigens: In wenigen Wochen soll es ein neues Relo-Update geben.

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